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Beitrag No. 3 der Serie: Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL – Heute: Strategie und Alleinstellungsmerkmale der Landfleischerei Rau GmbH & Co. KG in 33334 Gütersloh-Isselhorst

Samstag, September 12th, 2009

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser von Fleischer/Metzger-Blog,

bei meiner telefonischen Kontaktaufnahme zu Fleischermeister Uwe Rau, Geschäftsführer in der Landfleischerei Rau GmbH & Co. KG, Steinhagener Str. 16, 33334 Gütersloh-Isselhorst brauchte ich mich gar nicht erst vorzustellen. Uwe Rau ist seit Jahren begeisterter Leser der Fleischer/Metzgerblog-Beiträge von derzeit insgesamt 14 Autoren und besitzt zudem alle meine strategischen Sachbücher aus der „Fleischerei mit Fadenkreuz!“-Serie.

Uwe Rau empfing mich am Mittwoch-Nachmittag dieser Woche gemeinsam mit seiner Frau Marita im Büro seines Anwesens mit einladend großem Parkplatz an der Steinhagener Straße mitten im Gütersloher Ortsteil Isselhorst. Während Uwe Rau am gleichen Standort die Produktion leitet, widmet sich Marita Rau gemeinsam mit ihrem Verkaufs-Team der verehrten Kundschaft im sympathisch und übersichtlich eingerichteten Ladengeschäft. Marita Rau äußerte bei meiner Ankunft Interesse, die „ersten Sätze der Unterhaltung“ kurz verfolgen zu wollen – und nahm dann stattdessen während der folgenden dreieinhalb Stunden, aktiv die Diskussion bereichend, am Gespräch teil.

Uwe Rau leitet das Unternehmen in zweiter Generation, und die dritte mit Sohn André „steht schon in den Startlöchern“. Die Landfleischerei Rau hat eine eigene Website, die derzeit wöchentlich aktualisiert wird; ein Webshop ist in Vorbereitung.

Herkunftsnachweis und innerbetriebliche Kontrollstufen im Interesse der Kundschaft
Im Interesse seiner Kundschaft legt Uwe Rau größten Wert darauf, einen lückenlosen Herkunftsnachweis seiner handwerklich hergestellten Erzeugnisse erbringen zu können.
Bei der Auswahl seiner Lieferanten vertraue er den Landwirten der Umgebung. So habe er im Laufe vieler Jahre persönlichen Kontakt zu bäuerlichen Kleinmastbetrieben der Region herstellen können, die – auch für den geschätzten Kunden einsehbar – namentlich auf seiner Website erwähnt seien. Bei den betreffenden Kleinmastbetrieben, so führt er des Weiteren aus, „passe die Ackerfläche zur Kopfzahl des Viehs“. Sämtliche der dort gelisteten Landwirte hätten sich darüber hinaus ihm gegenüber verpflichtet, antibiotikafrei und mastbeschleunigerfrei zu füttern. Rückstands-Untersuchungen der Schweine würden von einem neutralen Veterinär unangemeldet und in unterschiedlicher Frequenz durchgeführt.

Uwe Rau legt zudem Wert darauf, selber zu schlachten. Einmal die Woche holt er die Tiere 24 Stunden vorher ab, um sie nach einem kurzen Transportweg persönlich in den Ställen unterzubringen. Durch den kurzen und relativ stressarmen Transport könnten die Tiere sodann problemlos regenerieren. Das Fleisch bliebe dadurch fester und „stünde beim Schneiden vor dem Messer“. Die Schweinehälften hole er am nächsten Morgen in seinen Betrieb und zerlege sie anschließend. Durch die „schlachtwarme Verarbeitung“ ermögliche er seiner Kundschaft bei seinen Produkten ein Geschmackserlebnis, das man seiner Überzeugung nach „mit keinem Gewürz hinkriege“.

Die Wohlfühl-Atmosphäre im Ladengeschäft
Laut Eigenaussage von Marita Rau stößt das Ladengeschäft derzeit an Kapazitätsgrenzen.
Da nicht nur die Kunden/Kundinnen sondern auch das Verkaufs-Team von außen bereits deutlich sichtbar seien, wirke der Laden immer sehr schnell gut besucht. Das steigere die Attraktivität. Zudem sei die Kundenfläche größenmäßig gut überschaubar, was die Kommunikation auch unter den Kundinnen und Kunden ungewöhnlich steigere. Das sei im Übrigen auch einer der Faktoren, der die relativ hohe Anzahl von über 90% Stammkunden erkläre.

Die kunden-orientierte Langzeit-Strategie der Landfleischerei
Vor dem Hintergrund der geschilderten Wertschöpfungskette haben Uwe und Marita Rau ein Konzept, wie sie Ihre Kunden erfreuen und immer wieder aufs Neue begeistern können. Besonders motivierend wirke hierbei auch der Junior André, der bereits deutlich „mit den Hufen scharre“ und erfreuliche Anregungen und Anstöße liefere. So sei auf seine Anregung auch eine eigene Website in Auftrag gegeben worden, die seit einiger Zeit auch wöchentlich aktualisiert würde. Wie Marita Rau hierzu erläuterte, sei die Zahl der Kunden, die sich jeweils vor Besuch in der Landfleischerei bereits per Website über das aktuelle Angebot informiert habe, in jüngster Zeit signifikant gestiegen.

Zurzeit setze man folgende Schwerpunkte:

Unter den Stammkunden habe man vier besonders wichtige Zielgruppen:

a) die Ernährungsbewussten
b) die Bevorzuger regional-typischer Erzeugnisse aus OWL
c) die Convenience-Liebhaber und
d) die Partyservice-Kunden

a) die Ernährungsbewussten
man habe ein breites Sortiment an fettarmen oder fettreduzierten Produkten. Rohwürste und Brühwürste mit entsprechend nährwertverändertem Material würden in letzter Zeit verstärkt nachgefragt.

Für die Teil-Zielgruppe der Allergiker unter den Ernährungsbewussten habe man z.B. einen allergenfreien Rohschinken im Angebot, der mit Steinsalz, ohne Nitrit und Geschmacksverstärker angeboten würde. Für die Teil-Zielgruppe der Cholesterin-Belasteten habe man innerhalb des großen Salami-Spektrums eine Walnuss-Salami kreiert.

b) die Bevorzuger regional-typischer Erzeugnisse aus Ostwestfalen-Lippe
Durch den Vorzug der unmittelbaren Kommunikationsmöglichkeit im Ladengeschäft sei es möglich, Wünsche und sinnvolle Anregungen aus der Kundschaft schnell zu erkennen und gegebenenfalls auch umzusetzen. „Dauerbrenner“ unter den regionalen Spezialitäten seien Wurstebrei, Möpkenbrot (Saison) und Hausmacher Leberwurst mit Mehl sowie westfälischer Schinken, westfälische Rohwurst und die Sonder-Kreation „Lutterwürmer“. Bei dem letzteren Wurstprodukt handelt es sich um eine Kreation, die einen deutlich wahrnehmbaren Regionalbezug über die durch die Region fließende Lutter herstellt. Insbesondere durch Kauf eines solchen Produktes könne sich ein Kunde deutlich als Regional- oder Lokalpatriot im Ladengeschäft zu erkennen geben und so seine Verbundenheit zu der Region verdeutlichen.

c) die Convenience-Liebhaber
Fleischerei Rau konzentriert sich hier auf einen Mittagstisch für Außer-Haus-Verzehr. Als Kunde profitieren Sie hier von der Einsiegelung der Menüs, wodurch diese die Wärme eine gute Weile konservieren. Bewährt habe sich hier ein Angebot, das die Wünsche der Liebhaber regional-typischer OWL-Spezialitäten mit dem Wunsch nach Convenience kombiniere. Dienstags und donnerstags gäbe es traditionell einen „Suppentag“. Einmal die Woche (freitags) liefere man auch mit eigenem (Kühl-)Fahrzeug aus.

d) Partyservice-Kunden
Auch die Zielgruppe der Partyservice-Kunden werde gepflegt. Hier habe sich das Konzept bewährt, zunächst die Anzahl und altersmäßige Zusammensetzung der zu bewirtenden Personen zu erfragen, und sodann Liefervorschläge zu unterbreiten. Hierdurch könne man der Gefahr begegnen, Unterlieferungen vorzunehmen. Denn nichts sei für einen Gastgeber peinlicher, „als wenn die Ware nicht reicht“.

Sonder-Zielgruppe
Nicht unerwähnt bleiben sollte hier meines Erachtens allerdings auch die Sonder-Zielgruppe Kinder. Denn für diese Gruppe hat die Landfleischerei Rau vor ca. zwei Jahrzehnten ein „gruppen-individuelles“ Produkt in Form von einer „Scheibe Fleischwurst mit Lolli“ entwickelt. Diese Kreation entstand durch Zufall, weil man bei einem Späteinkauf in einem Supermarkt seinen eigenen Einkaufswagen an der Kasse plötzlich mit einem Pack von 100 Stück Lollis „bestückt“ fand, die man gar nicht selber in den Wagen gelegt hatte. Bei der anschließenden Suche nach einer Verwendungsmöglichkeit kam man auf die Idee, jeweils einen Lolli in ein Stück Fleischwurst zu stecken und im Ladengeschäft anzubieten. Diese `zielgruppen-orientierte Produkt-Kombination’ ist auch heute noch im Angebot. Wie nachhaltig diese Art der Kundenorientierung wirkt, konnten Uwe und Marita Rau erst jüngst wieder feststellen, als sich ein inzwischen 25 Jahre alter Kunde mit Begeisterung daran erinnerte, wie er schon vor zwanzig Jahren mit „Fleischwurst und Lolli“ verwöhnt wurde.

Kreativität

Erfreulicherweise ist es Familie Rau bewusst, wie wichtig es für eine inhabergeführte, handwerklich strukturierte Fleischerei ist, bei der verehrten Kundschaft Wünsche zu wecken und sodann mit einem geeigneten Angebot auch zu erfüllen. So habe man im Laufe der Jahre das Salami-Sortiment auf insgesamt derzeit 14 Varietäten aufgestockt, um den entsprechenden Genießern innerhalb des Salami-Sortiments Abwechslung zu bieten. Anlässlich der 950-Jahrfeier des Gütersloher Stadtteils Isselhorst habe man in Eigen-Initiative eine „Isselhorster Ursalami“ auf den Markt gebracht Hierbei handele es sich um eine Salami “so wie sie früher während der Hausschlachtezeit produziert wurde“. Sie werde also mit Naturgewürzen und mit Honig als Zuckerstoff hergestellt und käme nach Langzeitreifung und Nachreifung in computergesteuerten Räumen in die Ladentheke.

Man sei ein durch und durch handwerklich strukturiertes Unternehmen. Der Zukauf beschränke sich auf das gesamte Geflügelprogramm und Käse.

Aktionen, Anlässe, Veranstaltungen
Als weitsichtigem Unternehmer ist es Fleischermeister Uwe Rau natürlich bewusst, wie wichtig es ist, seinen Kunden gelegentlich auch Abwechslung zu bieten; sei es in Form von neuen Produkten oder neuen Dienstleistungen. Externe Anlässe wie christliche Feste, regionale Veranstaltungen durch die Stadt oder durch Vereine sind ihm stets willkommen, sich mit eigenen Ideen und Vorschlägen aktiv einzubringen. Unabhängig davon nutzt er die Kreativität seiner Familie, insbesondere auch Kindern Freude zu bereiten, indem er sie schon frühzeitig als Besucher an seine Fleischerei heranführt.

Einmal im Jahr lädt er deshalb Kindergarten-Abgangsgruppen mit Erzieherinnen zu einem Rundgang durch seine Produktion ein. Auf dem Programm steht dann „Bratwurstfüllen“. Das Brät sei dann bereits im Kutter und könne von dort in die Füllmaschine verbracht werden. Die Kinder würden jedes Mal staunen, wie da die „Bratwürste raus geschossen kommen“; das sei für die Kinder ein unvergessliches Erlebnis. Zur Belohnung und zwecks „Pflege des Kunden von morgen“ erhielten die Kinder dann eine Teilnahme-Urkunde, eine mit Wurst gut gefüllte Tasche sowie das Pixi-Kinderbuch „Ich hab einen Freund und der ist Fleischermeister“.
Im Übrigen achte man darauf, durch Teilnahme an der Isselhorster Werbegemeinschaft den Gütersloher Stadtteil bekannt zu machen und an regionalen Veranstaltungen möglichst mit einem eigenen Stand präsent zu sein. Zu diesen regionalen Veranstaltungen zählen:

Apfelblütenfest (in 2009 am 23./24. April)
Passend zum Motto des Festes kreiert man hier eine „Apfelbratwurst“.

Angrillen (alljährlich der letzte Freitag im April)
Vorstellung und Verkostung neuer Grillspezialitäten
Diese Veranstaltung habe sich also optimale Einstimmung der Kunden auf die Grillsaison bewährt.

Alljährlicher Isselhorster Nachtlauf
Ausrichter des Events ist die Veranstaltungsgemeinschaft Isselhorster Nacht.
Der Bedeutung des Anlasses entsprechend bedient Uwe Rau auf seinem Bratwurststand mit insgesamt sieben Personen. Folge: „Das eingespielte Team konnte die Wünsche der Besucher nach Bratwurst und Pommes Frites jederzeit zur Zufriedenheit erfüllen.“

Kirmes und Antikmarkt zu Fronleichnam
Hier profitiert die Landfleischerei mit einem eigenen Bratwurststand auch von der guten Laune und positiven Grundstimmung der Besucher

Weinfest (in 2009 am 30. August)
Passend zum Motto offeriert man auf seinem Stand Flammkuchen – und trifft ins Schwarze

Oktoberfest (dieses Jahr am 16. Oktober)
Veranstalter: Landfleischerei Rau unmittelbar vor dem eigenen Ladengeschäft
Der Erfolg des letzten Jahres beflügelt den Inhaber, in 2009 bereits zwei Spanferkel vorzuhalten, nachdem bei der entsprechenden Veranstaltung des letzten Jahres das einzige Spanferkel bereits nach wenigen Stunden ausverkauft war.

Weihnachtsmarkt
Hier ist Landfleischerei Rau traditionell stets mit einem eigenen Stand vertreten. Man kenne die Erwartungshaltung der Kunden und freue sich darauf, diese auch in der kommenden Adventszeit wieder zu erfüllen.

Erfolgsgründe
Offensichtlich ist es der Landfleischerei Rau bereits in der zweiten Generation gelungen, Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln, über die man von der Kundschaft deutlich wahrgenommen wird.

Hierzu gehören

Der nachweisbare Einkauf bei Kleinmastbetrieben, wodurch man sich deutlich von den allermeisten Supermärkten und Discountern unterscheidet.
Der Sicherheit vermittelnde Einkauf bei namentlich genannten Landwirten der Region.
Die Vertrauen schaffende Fleisch-Kompetenz der Inhaberfamilie.
Die eigene schonende, Qualität steigernde Schlachtung inkl. schlachtwarmer Verarbeitung, die offensichtlich ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis ermöglicht

Der Nachweis der Wertschöpfungskette vom Tier auf der Weide bis zum verkaufsfertigen (Wurst-)Produkt in der Theke
Die eigene wöchentlich aktualisierte und übersichtlich gestaltete Website, die vornehmlich der so wichtigen Vorab-Information der Kundschaft dient.
Nutzung und gewissenhafte Selektion der Werbeträger, unter denen derzeit die Radiowerbung mit einer Serie von insgesamt zwanzig Sechs-Sekunden-Spots favorisiert wird.

Die gruppen-individuellen (Produkt-)Angebote für die wichtigsten Zielgruppen.
Ein angemessenes Preis-Qualitätsverhältnis
Die Wohlfühl-Atmosphäre inkl. Kommunikation im Ladengeschäft

Die Präsenz auf den bedeutenden regionalen Veranstaltungen
Erlebnis vermittelnde Kreativität bei der Entwicklung neuer Produkte (14 Salamisorten, sowie „Isselhorster Ursalami“ anlässlich der 950-Jahrfeier).
Der nachweisliche Respekt vor dem Kunden, der ihm auch durch Fleischerei-Events (Angrillen etc.) entgegengebracht wird.

Die Vermittlung von betrieblicher Kontinuität und Zuverlässigkeit durch Hinweis auf die heranwachsende, dritte Unternehmer-Generation

und – ganz besonders weitsichtig:
Image-Werbung für den Beruf (vgl. Kinderbuch „Ich hab einen Freund und der ist Fleischermeister“)

Fleischermeister Uwe Rau ist überzeugt, mit einer Würdigung in der Fleischer/Metzgerblog-Serie „Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL“ Ihnen, dem fleischerei-typischen „qualitäts- und preisbewussten Verbraucher“ die Vorzüge eines Einkaufs in einer qualifizierten, inhabergeführten und handwerklich strukturierten Fleischerei ein weiteres Stück näher gebracht zu haben.

Natürlich ließ es sich auch Uwe Rau abschließend nicht nehmen, mir als überzeugter Handwerksmeister voller Stolz seine blitzsauberen Produktionsräume zu zeigen und die einzelnen Produktionsstufen zu erläutern.

Auch Uwe Rau sieht im Sinne seiner Kundschaft weiteren Fleischer/Metzgerblog-Beiträgen aus der Serie „Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL“ mit Interesse entgegen.

Nachstehend sehen Sie als qualitäts- und preisbewusster Kunde die Kontaktdaten der Landfleischerei Rau GmbH & Co. KG

Landfleischerei Rau GmbH & Co. KG
Steinhagener Str. 16
33334 Gütersloh-Isselhorst
Telefon: 05421-67360
Website: www.landfleischerei-rau.de

Ich grüße Sie herzlich
Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt (Blog-Moderator)

Link zu Beitrag No. 1 der Serie: „Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL“ (Landfleischerei A. und B. Goldbecker, Borgholzhausen )
Link zu Beitrag No. 2 der Serie: „Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL“ (Fleischerei Wolfgang Müller, Paderborn)
Link zu Beitrag No. 4 der Serie: „Kunden-orientierte Erfolgsmodelle aus OWL“ (Fleischerei E. Grämmel, Detmold)

Das Online-Blog-Interview mit Metzgermeister Philipp Kunkel in 63834 Sulzbach/Bayern – Teil zwei

Dienstag, April 14th, 2009

Blog-Moderator Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt:

Guten Tag Herr Philipp Kunkel, ich freue mich, das Online-Blog-Interview vom 26. März 09 heute mit dem zweiten Teil fortsetzen zu können.

metzgermeister-philipp-kunkel-bild-118 „Metzgermeister Philipp Kunkel„,
© Copyright 2009 Foto und Bildquelle: Firma Kunkel, Wurst- und Fleischspezialitäten

Im November letzten Jahres haben Sie Ihren Großhandel bzw. Ihre Großproduktion in 63834 Sulzbach/Bayern mit zunächst sechs Arbeitskräften begonnen. Zwischenzeitlich haben Sie auf acht Kräfte aufgestockt. Sie haben kräftig investiert und stoßen Ihrer Aussage gemäß in Kürze bereits an Kapazitätsgrenzen. Kräftiges Wachstum ist erfahrungsgemäß jedoch auch mit Friktionen verbunden. – So haben zum Beispiel trotz Konjunkturflaute nicht nur Metzgereien Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden.

6.) Frage: Wo sehen Sie derzeit den größten Engpass für Ihre weitere betriebliche Entwicklung?

Antwort Philipp Kunkel

Die Belastung für mich persönlich ist derzeit etwas hoch. Aktuell bin ich sehr in die tägliche Arbeit im Unternehmen gebunden. Dadurch komme ich dann erst spät am Tage zur Arbeit am Unternehmen bzw. auch zu den Kunden, die gerade in der aktuellen Aufbauphase, und sicherlich auch danach, den persönlichen Kontakt mit dem „Chef“ wünschen.

Ich brauche also nachhaltig Entlastung in der Produktion, um mich noch intensiver um die Wünsche und Erwartungen unserer Kunden kümmern zu können. Uns ist deshalb ein Produktions-Leiter/-in willkommen, der unser Team ergänzt und auf den ich mich in der Produktion voll verlassen kann, um selber den weiteren Aufbau des Vertriebs verstärkt auf den Weg zu bringen.

Blog-Moderator

Ganz offensichtlich scheint die derzeitige Entwicklung Ihres Betriebes Ihr Unternehmens-Konzept als tragfähig zu bestätigen. Denkt man Ihr Konzept zu Ende, so sind Sie insbesondere überall dort willkommen, wo der Kunde (= die Metzgerei) bereit ist, die eigene Produktion zugunsten des Zukaufs zurückzufahren und/oder durch Zukauf Zusatzumsatz zu generieren. Wie eine hierdurch entstehende „Handelsmetzgerei“ aussehen könnte und im Einzelfall auch bereits aussieht, hat Ihre Kollegin Verena Hahn bereits am 26. November vergangenen Jahres hier auf Fleischer/Metzger-Blog mit ihrem Beitrag „Die Handelsmetzgerei – eine Chance?“ dargestellt und erläutert – und insgesamt sechs Kommentare erhalten.

7.) Frage: Wie entkräften Sie die denkbare Argumentation Ihrer Metzger-Kollegen, ein Zukauf würde das handwerkliche Profil einer Metzgerei verwässern und Kunden könnten deshalb abwandern?

Antwort Philipp Kunkel

Ich denke, gerade hier bieten sich für die Kollegen folgende Vorteile:

Sie erhalten top frische Produkte exakt in der benötigten Menge.

Das ermöglicht ihnen volle Konzentration auf den Kunden und den Verkauf.

Abwechslungsreiches Sortiment – der Endverbraucher kann überrascht werden.

Wir produzieren Handwerksqualität und keine „Industrieware“.

Der Konsument erhält herzhaft deftig gewürzte Wurst, die schmeckt.


Blog-Moderator

Ihre Aussagen decken sich offensichtlich in hohem Maße mit den Erfahrungen, die Ihre Kollegin Verena Hahn mit ihrer Handelsmetzgerei bereits gesammelt hat. Sie argumentiert in dem erwähnten Fleischer/Metzgerblog-Beitrag etwa wie folgt: Durch Verzicht auf Betriebstiefe stiege in einer Handelsmetzgerei zwar die MAQ (Materialaufwandsquote), die Kosten könnten aber besser kalkuliert werden, denn es gäbe keine Überproduktion mehr, da man nur soviel ordere, wie man auch verkaufen könnte. Durch tägliche Belieferung erziele man ein Maximum an Frische, der Chef sei immer da und könne sich der Kundschaft widmen.

8.) Frage: Könnte das ab 2010 in Europa geltende einheitliche Lebensmittelrecht (nicht ohnehin) einige Metzger veranlassen, die eigene Produktion zurückzufahren? Und: Entstünde für Sie als Produzent hierdurch Freiraum, den Sie mit Ihren Produkten füllen könnten?

Antwort Philipp Kunkel

Ich sehe uns als Dienstleister, der es den Kollegen ermöglicht, kostenintensive Investitionen einzusparen, die im Zuge der Vereinheitlichung sicherlich auf jeden zukommen. Da wir selbst kein Ladengeschäft betreiben, sind wir für keinen Kollegen ein Wettbewerber, vielmehr fördern wir als neutraler Produzent, der die Probleme und Herausforderungen des Einzelhandelsgeschäftes kennt, unsere Kollegen im Wettbewerb gegen den Handel bzw. die Discounter. Der sicherlich schon oft zitierte Spruch: „Bei uns läuft die Ware nicht vom Band, wie arbeiten noch mit Herz und Hand“ trifft auf uns sicherlich absolut zu.

Blog-Moderator

Nun produzieren Sie, Herr Kunkel ja nicht im konkurrenzfreien Raum. Ihr Wettbewerb ist mächtig und vielfach länger im Geschäft. Die derzeit schleppende Konjunktur und die geschilderten kommenden Auflagen setzen nicht nur Metzgereien unter Innovationsdruck. Der Wertewandel wird beschleunigt, der Endverbraucher wird anspruchsvoller und wählerischer. Da nun aber Metzgereien zu Ihren Kunden zählen, werden diese den Endverbraucherdruck an Sie weiterleiten müssen. Es entsteht die Frage, inwieweit Sie hierauf vorbereitet sind, bzw. inwieweit Sie die Entwicklung in Ihrer Strategie bereits berücksichtigt haben. Konkret:

9.) Frage: Welches sind derzeit Ihre besonderen Stärken, die dem Wünsche-Spektrum Ihrer Kunden (= Metzgereien) bestmöglich entsprechen?

Antwort Philipp Kunkel:

Als gelernter Fleischermeister, der aus einer traditionsreichen Metzgerfamilie stammt, kenne ich die Mentalität von uns Metzgern sicherlich von der Pike auf. Daher kann ich mich einfacher in die Sorgen, Wünsche und Erwartungen der Kollegen hineinversetzen bzw. auch den Bedarf an Innovationen leichter erfüllen. Ich unterstütze als „neutraler“ Lieferant meine Kollegen, stehe also in keinem Wettbewerb mit Ihnen.

Blog-Moderator

Erfahrungsgemäß bildet sich das Image eines Unternehmens recht frühzeitig heraus. Auch Ihr neuer Betrieb wird von der neuen Kundschaft bereits ganz konkret wahrgenommen. Eventuelle Image-Korrekturen sind in der Regel umso schwerer durchzusetzen, je länger sich das Unternehmen am Markt befindet. Es wäre deshalb aufschlussreich zu lesen, wie Sie persönlich Ihr Unternehmen gern wahrgenommen wissen möchten.

10.) Frage Haben Sie bereits ein signifikantes Alleinstellungsmerkmal? Welches ist Ihrer Meinung nach der größte Nutzen, der KERN-Nutzen, den Sie Ihrer Kundschaft stiften?

Antwort Philipp Kunkel:

Unsere größten Stärken sind wie folgt:

Inhabergeführter mittelständischer Betrieb

Flexible Frischeproduktion in Bezug auf Menge und Termintreue

Konzentrierter Artikelstamm und große Qualitätskonstanz

Durch direkten Kundenkontakt immer das Ohr am Markt

Eigene Kühllogistik

Allergenfreie Produktion nur aus Naturgewürzen


Blog-Moderator

Herr Kunkel, ich danke Ihnen für das Gespräch, das insbesondere in der derzeitigen Konjunkturphase vielen Metzgereien wertvolle Anregungen gibt, wie man gegebenenfalls durch eine kleine Strategie-Änderung Zusatz-Umsatz generieren könnte.

Ich grüße Sie herzlich

Dipl.-Kfm. Hans-Jürgen Schmidt (Blog-Moderator)

Link zum Online-Blog-Interview, Teil eins